Pfaffenhofen

Joseph-Maria-Lutz-Stipendiatin 2019: Laura Bärtle

Laura Bärtle
© Florian Schaipp

Die Entscheidung ist in diesem Jahr auf die junge Autorin Laura Bärtle gefallen. Die erst 19-jährige Freiburgerin konnte sich während ihres dreimonatigen Aufenthalts im Flaschlturm ihr ganz eigenes Bild von Pfaffenhofen machen. Diese Eindrücke stellte sie am 28. Juli bei ihrer Abschiedslesung im gut gefüllten Festsaal des Rathauses vor.

Das Stipendium ist dazu bestimmt, Schriftstellern während ihres Aufenthalts in Pfaffenhofen die Möglichkeit zu geben, literarische Arbeiten zu beginnen, zu realisieren oder fertig zu stellen. Über 65 Bewerbungen aus ganz Deutschland waren bis Mitte November bei der Stadtverwaltung eingegangen, und seitdem hatte die neu zusammengesetzte Jury viel zu tun und einen nicht ganz einfachen Entscheidungsprozess zu absolvieren. Neben dem Schriftsteller und Kulturreferenten Steffen Kopetzky gehörten die Galeristin und Musikerin Lea Heib, die Journalistin Natalie Wiesenberger und der Buchhändler Simeon Stadler dem Gremium an.

In der finalen Sitzung der Jury wurden die Bewerbungen diskutiert, die es in die letzte Auswahl geschafft hatten. Laura Bärtles Text stach aus den übrigen Manuskripten hervor, da eine ungewöhnliche und klare Perspektive in Verbindung mit großer sprachlicher Exaktheit und einer atmosphärischen Dichte ihre Erzählung auszeichnete.

Laura Bärtle wurde 1999 in Freiburg im Breisgau geboren. Sie ist damit die bisher jüngste Pfaffenhofener Stipendiatin. Durch Workshops und Seminare fand sie Zugang zum Schreiben und ist bereits seit 2015 bundesweit aktiv. Sie war Preisträgerin des lyrix-Wettbewerbs für junge Literatur und wurde eingeladen, am Treffen junger Autoren der Berliner Festspiele teilzunehmen. Sie war Stipendiatin beim Literaturlabor Wolfenbüttel und Nominierte für den Theo-Preis, den Berlin-Brandenburgischen Preis für junge Literatur.

Für ihre Bewerbung auf das Lutz-Stipendium reichte sie einen Ausschnitt einer Erzählung ein, in der sie aus der Perspektive eines jungen Mädchens erste Liebeserfahrungen sowie Erlebnisse in ihrer Familie schildert. Durchzogen ist der Text von einer leichten Melancholie. Bärtles trockene und präzise Sprache entwirft dabei intensive Stimmungsbilder – sehr reduziert stellt sie das Erleben ihrer Hauptfigur dar, die sich in ein anderes Mädchen verliebt hat.

Die Jury konstatierte, dass die junge Autorin es mit ihrem Textauszug schafft, den Leser in die Geschichte zu ziehen, sodass er gespannt ist, wie es mit dem jungen Mädchen weitergeht. Diese atmosphärische und sprachliche Dichte sowie die Fähigkeit, spannende, kurze Texte zu schreiben, überzeugte die Jury, Laura Bärtle als Lutz-Stipendiatin für 2019 zu wählen. Denn diese Eigenschaften, so hieß es, seien hervorragend geeignet, einen „Zwischenfall“ – den vom Stipendiaten verlangten Text über Pfaffenhofen – zu schreiben.

Laura Bärtle
© Florian Schaipp

Bei ihrer Abschiedslesung stellte sich dann jedoch heraus, dass es gar keinen Zwischenfall gab. Laura Bärtle begann mit einem erzählerischen Kniff: Zu Beginn bezeichnete sie den Text als ihre Rechtfertigung und Entschuldigung dafür, keinen Zwischenfall vorstellen zu können. Tagebuchartig, essayistisch angehaucht anhand verschiedenster Stationen führte ihr Text im Anschluss durch die Zeit ihres Aufenthaltes und durch die Stadt; eine literarische Wanderung durch Pfaffenhofen, getragen von ihrem ganz speziellen Ton und dem Blick einer Freiburgerin auf die oberbayerische Kleinstadt. Von den Überlegungen zur merkwürdigen Dichte an Friseursalons und das Unverständnis über die Struktur der lokalen Geschäftsöffnungszeiten, der besonderen Rolle von Bier und dem Volksfest oder Gedanken zu einem Aspekt der Pfaffenhofener Mentalität, der sich auf „Ja mei. Passt (scho).“ reduzieren lässt, bis hin zur Betrachtung des vielschichtigen Begriffs Heimat: Bärtle lässt sich durch Pfaffenhofen treiben und charakterisiert die Stadt detailliert durch dieses collage-artige Aneinanderreihen verschiedenster Themen.

Ihren Aufenthalt im Flaschlturm und im dazu gehörenden Garten betrachtend fällt ihr auf, dass nicht nur sie versucht Pfaffenhofen zu beschreiben und zu begreifen, sondern wohl auch Pfaffenhofen die zugereiste Literatin: Nicht nur die besorgten Erkundigungen und das anhaltende Interesse an ihr und ihrem Befinden zeigen ihr dies, sondern auch die interessierten Passanten und die vielen Stadtführungen, die an ihrem Domizil vorbeikommen.

Eine Momentaufnahme Pfaffenhofens voller Details, die anhaltenden Applaus hinterließ sowie überschwängliche Rückmeldungen und einen Kulturreferenten, der sich sehr begeistert zeigte. Nachdem sich die junge Autorin am Montagmorgen vor ihrer Abreise noch ins Goldene Buch der Stadt Pfaffenhofen eingetragen hatte, verließ sie Pfaffenhofen.